Wie keine andere beeinflusste die Bauhaus-Schule unser Verständnis von moderner Architektur. Dabei ging es um mehr als nur um einfache Geometrien und Funktionalität. Auch materialgerechte Konstruktion, industrielle Bauabläufe und ein am Menschen orientiertes Design fanden Einzug in die Architektur. Und in Dessau wurde nicht nur geplant, sondern auch realisiert. Kommen Sie mit auf eine Reise zu den programmatischen Zeugnissen des modernen Bauens, die auch heute, nach fast 100 Jahren noch nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben.

Während man in Weimar, wo das Bauhaus 1919 gegründet wurde, noch beinahe vergeblich nach architektonischen Spuren der vielgerühmten Kunst- und Gewerbeschule sucht, wird man in Dessau geradezu damit überhäuft. Nicht umsonst ist die Stadt heute Pilgerstätte von Studierenden und Architekturbegeisterten aus aller Welt.

Es hat lange gedauert, bis man auch in Dessau erkannt hatte, dass die sechs Jahre des Bauhauses in dieser Stadt sehr wesentlich dazu beigetragen haben, dem modernen Bauen zum Durchbruch zu verhelfen. Nach 1933 wollte man alles wieder abreißen und durch einen sogenannten „Heimatstil“ mit Spitzdach und Fensterläden ersetzen. Danach fehlte es an Geld, die Kriegszerstörungen zu beseitigen. Und dann brauchte es auch noch weitere Jahrzehnte, um die weltweite Bedeutung der Ideen aus den 1920er Jahren zu begreifen. Erst in den späten sechziger Jahren wurde in Dessau begonnen, die wichtigsten Gebäude der Bauhauszeit wieder herzurichten und zugänglich zu machen.  Jetzt, zum hundertjährigen Gründungsjubiläum, ist natürlich alles fein herausgeputzt.

Heute kann man trefflich darüber streiten, ob die Ideen aus Dessau einen eigenen „Bauhaus-Stil“ begründen. Zu vielfältig sind die Einflüsse auf die Architektur der Moderne in den 1920er Jahren. Heute ordnet man die wegweisenden Entwicklungen des Bauhauses eher ein und spricht vom Funktionalismus, vom Neuen Bauen, der neuen Sachlichkeit, dem Backstein-Expressionismus oder dem International Style. Und klammheimlich finden sich in allen diesen Stilrichtungen avantgardistische Ideen, Elemente und Gestaltungsmerkmale, die direkt oder indirekt mit dem Bauhaus und speziell seiner Zeit in Dessau zu tun haben und von dort in die Welt hinausgetragen wurden. So lassen sich heute Spuren des Bauhauses von Kapstadt in Südafrika bis Kristiansand in Norwegen, von Shanghai bis Chicago und von Marokko über Israel bis Afghanistan finden.

Doch bleiben wir in Dessau und schauen uns dort um, wo viele dieser Ideen geboren wurden:

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Das Bauhaus-Gebäude in Dessau markiert den Höhepunkt der nur 14 Jahre währenden Geschichte der Kunstschule. Diese Jahre haben die Entwicklung von Architektur und Design nachhaltig geprägt. Das Gebäude wurde nach dem Umzug der Schule von Weimar nach Dessau 1926 nach Plänen von Walter Gropius errichtet. Mehr unter: https://cubenuovo.com/2017/04/26/bauhaus-warum-das-gebaeude-in-dessau-mehr-als-nur-ein-schulhaus-ist/
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Einfache Formen, klare Verhältnisse, schlichte Funktionalität waren die Gestaltungsprinzipien des Bauhaus. Das Gebäude in Dessau demonstriert die Funktionalität der Architektur in besonderer Weise.
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Das Bauhaus-Gebäude in Dessau hat die Vorstellungen von moderner Architektur wesentlich beeinflusst. Sichtbare Funktionselemente als Gestaltungsprinzip, wie hier bei den über einen Balken gemeinsam zu öffnenden Fenstern, fanden Eingang in die Architektur der Zeit.
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Am Bauhaus-Hauptgebäude in Dessau schließen sich mehrere Nebengebäude an. Über einen flachen Trakt mit Theatersaal und Mensa erreicht man ein Atelier- und Unterkunftsgebäude, das sogenannte Preller-Haus. Echte Bauhaus-Fans können in dem Gebäude heute Übernachtungen buchen.
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Die kubische Formensprache der 1926 errichteten Meisterhäuser in Dessau war für die damalige Zeit ein Schock. Das Fehlen eines Satteldaches, die Verwendung von Elementen der Industriearchitektur und die glatten, weißen Fassaden entsprachen überhaupt nicht den Vorstellungen einer Professoren-Villa der damaligen Zeit. Mehr unter: https://cubenuovo.com/2017/11/08/architektur-ist-die-kunst-des-umbauten-raumes/
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Die Meisterhäuser in Dessau waren als Atelier- und Wohngebäude für die Bauhaus-Meister genannten Lehrkräfte des Bauhauses konzipiert. Bei der Rekonstruktion der im Krieg zerstörten Häuser setzten die Architekten auf einen reinen, auf die äußere Form bezogenen Wiederaufbau. Mehr unter: https://cubenuovo.com/2017/11/08/architektur-ist-die-kunst-des-umbauten-raumes/
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Die Gegenüberstellung der auf die Form reduzierten Neubauten mit den sorgsam restaurierten Gebäuden aus dem alten Bestand zeigt die programmatische Besonderheit der Dessauer Meisterhäuser. Mehr unter: https://cubenuovo.com/2017/11/08/architektur-ist-die-kunst-des-umbauten-raumes/
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Bei der Rekonstruktion der im Krieg zerstörten Häuser setzte das Architektenteam Bruno, Fioretti, Marquez auf die alleinige Wiederherstellung der Form der äußeren Gebäudehülle. Die milchig verglasten Fensteröffnungen verstärken noch den Charatkter einer auf die Form abstrahierten Architektur. Damit wird das Typische dieser einzigartigen Architektur erlebbar und gleichzeitig die museale Nutzung befördert. Mehr unter: https://cubenuovo.com/2017/11/08/architektur-ist-die-kunst-des-umbauten-raumes/
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Auch das von Walter Gropius für sich und seine Familie erstellte Direktorenhaus in der Dessauer Meisterhaus-Siedlung wurde im Krieg zerstört. Der Neubau der Architekten Bruno, Fioretti, Marquez gibt die Form der Gebäudehülle wieder und reduziert diese auf die reine Formensprache der Architektur.
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Die Siedlung Dessau-Törten mit den Zeilen kleiner Einfamilienhäuser läutete das Zeitalter des industriellen Wohnungsbaus in Deutschland ein. Die Häuser wurden 1927/28 in kürzester Zeit aus vorgefertigen Einzelteilen in Montagebauweise errichtet. Ein Rundgang durch die Siedlung ist durch die zahlreichen Umbauten eine Reise durch den Zeitgeschmack der letzten neunzig Jahre. Mehr unter: https://cubenuovo.com/2017/04/27/industrieller-wohnungsbau-das-endlose-experiment-von-dessau-toerten/
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Mitte der 1920er Jahre war Dessau eine der am schnellsten wachsenden Industriestädte in Deutschland. Um der Wohnungsnot zu begegnen, experimentierten die Bauhäusler mit industriell vorgefertigen Bauteilen und Montagebauweise. Die Reihenhaus-Siedlung Dessau-Törten war das erste große Experimentierfeld. 1927/28 wurden hier 314 Einfamilienhäuser errichtet. Baumängel und Akzeptanzprobleme führten in der Folge zu raschen Umbauten an den Häusern. Heute sind nur wenige als Museumsbau restaurierte Gebäude im Originalzustand erhalten. Mehr unter: https://cubenuovo.com/2017/04/27/industrieller-wohnungsbau-das-endlose-experiment-von-dessau-toerten/
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Das sogenannte Stahlhaus ist der Prototyp eines transportablen Gebäudes und ein erstes Studienobjekt für heute übliche, modulare Containergebäude. Es war ein Experimentalbau zur Erprobung dieser Bauweise. Das Haus ist mit wärmegedämmten Stahlplatten beplankt. Auch bei diesem Gebäude wird die Formensprache des Bauhauses sichtbar. Architekten waren Richard Paulick und Georg Muche im Jahr 1926/27.
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Als Zentrum der Siedlung in Dessau-Törten entstand 1928 das von Walter Gropius entworfene Konsum-Gebäude. Der Bau in ausgewogenen Formen verbindet eine flache Ladenzeile mit einem fünfgeschossigem Punkthaus mit Wohnungen. Trotz der nur fünf Etagen kommt bei dem Bau erstmals ein Hochaus-Feeling auf.
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Apartment-Häuser mit außen liegendem Zugang über Laubengänge sind ein Merkmal amerikanischer Architektur. Doch auch in Dessau wurde damit experimentiert. Die Laubenganghäuser in der Dessauer Siedlung Törten sind sorgsam restauriert und bei den Bewohnern sehr beliebt.
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Ludwig Mies van der Rohe war der letzte Bauhausdirektor vor der Schließung und den Umzug nach Berlin. Mit der kleinen Trinkhalle schuf er nicht nur sein einziges Gebäude in Dessau, er schuf auch ein Denkmal der Schlichtheit und Funktionalität. Die Trinkhalle wurde auf Initiative der Dessauer Studenten erst 2016 wieder in das Ensemble eingefügt. Mehr unter: https://cubenuovo.com/2017/04/26/ein-kleinod-in-dessau-dort-wo-architektur-politisch-wird/
Das staatliche Bauhaus wurde 1919 in Weimar von Walter Gropius durch den Zusammenschluss der Großherzoglich-Sächsischen Kunstschule und der Großherzoglich-Sächsischen Kunstgewerbeschule gegründet. Aus politischen Gründen zog die Schule 1925 nach Dessau um. Mit dem 1926 errichteten Bauhaus-Gebäude in Dessau erreichte die Schule internationales Ansehen. Bereits sechs Jahre später mußte das Bauhaus nach Berlin umziehen und wurde 1933 geschlossen. Das Bauhaus gilt heute als weltweit anerkannte Heimstätte der Moderne, die alle Bereiche der Kunst, des Designs und der Architektur nachhaltig beeinflusst hat.

Literatur [enthält Werbung]:

/1/ Magdalena Droste, Bauhaus 1919-1933, Taschen Berlin 2015.
/2/ Jean Molitor, Katja Voss, Bauhaus, Eine fotografische Weltreise, Bebra-Verlag, Berlin-Brandenburg 2018,
/3/ Hans Engels, Bauhaus-Architektur 1919-1933, Prestel Verlag, München, London, New York 2018
/4/ Bauhaus-Reisebuch, hrsg. vom Bauhaus-Archiv u.a., Dumont Buchverlag 2012
/5/ https://de.wikipedia.org/wiki/Bauhaus
Die Webseite wurde am 03.02.2019 abgerufen.

Die Gebäude stehen im Stadtgebiet von Dessau der Gemeinde Dessau-Rosslau.

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