Auf Initiative des Deutschen Werkbundes wurde 1927 die Stuttgarter Weißenhof-Siedlung errichtet. 21 Häuser sollten Antworten auf die Frage liefern, wie wir in Zukunft wohnen werden. Viele der Ideen von damals sind heute gelebte Realität.

„Araberdorf“, „Schwäbisch Marokko“ oder „die Vorstadt von Jerusalem“ sind nur einige der Schimpfwörter, mit denen die Siedlung auf dem Stuttgarter Killesberg belegt wurde. Abreißen und Plattmachen waren die Konzepte noch bis weit in die 1970er Jahre. Was war passiert in Stuttgart mit dem Aufbruch in die Neue Zeit, der 1927 mit der Ausstellung „Die Wohnung“ demonstriert werden sollte?

Der Deutsche Werkbund, eine 1905 gegründete Vereinigung von Künstlern, Designern und Architekten, konnte die Stadt Stuttgart gewinnen für eine große Ausstellung zum Neuen Bauen.  Kern der Schau war eine Siedlung von 21 Häusern, die alle Formen des modernen Wohnens zeigen sollte. Mehrfamilienhäuser, Reihenhäuser, repräsentative und einfache Einzelgebäude, die ganze Spannweite der Wohnbauten zusammen mit neuesten Technologien und avantgardistischen Konzepten für die Inneneinrichtung wurden geplant, um Wege aus der Wohnungsnot der Zeit aufzuzeigen. Es sollten keine Musterhäuser werden. Die dauerhafte Nutzung der Siedlung war geplant.

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Das markante Doppelhaus von Le Corbusier/ Pierre Janneret mit den charakteristischen Stahlständern ist heute Museum.
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Das Einfamilienhaus von Hans Scharoun markiert den Begin des organischen Bauens. Es ist von der inneren Nutzung nach außen gedacht.
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Die je 73 Quadratmeter großen Reihenhäuser des Holländers J.J.P. Oud beschränken das Wohnen auf das Nötigste.

Der Deutsche Werkbund benannte den Bauhaus-Architekten Ludwig Mies van der Rohe als künstlerischen Leiter für den Bau der Siedlung. Er konnte 17 Architekten der internationalen Avantgarde gewinnen, sich am Bau der Siedlung zu beteiligen. Unter ihnen berühmte Namen,  wie Walter Gropius, Peter Behrens, LeCorbusier, Hans Sharoun und Bruno Taut. Mies van der Rohe macht nur wenige Vorgaben, die entscheidendsten  waren Flachdach und kubische Baukörper sowie eine gesamte Bauzeit von wenigen Wochen.  Die Siedlung ist terrassenförmig angelegt und sollte allen einen Blick ins Tal ermöglichen. Dominiert wird die Siedlung von einem langgestreckten Mehrfamilienhaus, das Ludwig Mies van der Rohe selbst entworfen hat. Der Bau in damals neuer Stahlbeton-Skelettbauweise könnte auch aus der heutigen Zeit stammen. Davor und daneben finden sich in lockerer Anordnung Einzel-, Reihen- und Doppelhäuser unterschiedlichster Bauform. In nur 21 Wochen wurde die Siedlung fertiggestellt. Sie gilt als eine der bedeutendsten Architektensiedlungen der Neuzeit und war von Anfang an umstritten. Trotzdem war das Ensemble das Musterbeispiel für ähnliche Projekte in ganz Europa.

Nach 1933 war die Siedlung den neuen Machthabern ein Dorn im Auge und sollte wieder abgerissen werden. Dazu kam es dann doch nicht. Allerdings wurden einige der Häuser im zentralen Teil  des Geländes im Krieg schwer beschädigt. Nach dem Krieg wurden die beschädigten und aber auch intakte Häuser abgerissen. Andere wurden verändert und erhielten Satteldachaufbauten.

Erst nach 1980 wurden die verbliebenem Gebäude schrittweise saniert. 2002 kaufte die Stadt das Doppelhaus LeCorbusier/ Janneret auf und richtete in dem Bau das Weißenhof-Museum ein. Neben der Geschichte der Siedlung kann man hier auch die Wohnungs- und Inneneinrichtung im Originalzustand bewundern. Bis heute hat die Siedlung nicht an Strahlkraft verloren.

Die Weißenhof-Siedlung in Stuttgart wurde 1927 in nur 21 Wochen Bauzeit errichtet. Sie war der Kernbestandteil der Ausstellung „Die Wohnung“ des Deutschen Werkbundes. Die Ausstellung hatte große Bedeutung für neue Bautechnologien und propagierte den Stil des Neuen Bauens mit einer funktionalen und einfachen Formensprache. In den Jahren bis 1932 entstanden nach dem Stuttgarter Modell weitere Siedlungen in Brünn, Breslau, Zürich, Wien und Prag.

Literatur:
/1/ https://de.wikipedia.org/wiki/Weißenhofsiedlung
/2/ https://de.wikipedia.org/wiki/Deutscher_Werkbund
/3/ https://www.open-iba.de/geschichte/1927-weissenhofsiedlung-stuttgart/
/4/ Die Werkbundsiedlung Stuttgart Weissenhof, Hrsg. Stiftung Bauhaus Dessau, Spektor Books, Leipzig 2015
Die Webseiten wurden am 29.03.2019  abgerufen.

Die Gebäude stehen in Stuttgart auf dem Killesberg. Das Museum hat die Anschrift Rathenaustraße 1.

Download der Printversion: 105_Weissenhof_Stuttgart_K53-2019