Nach 1900 blühte in Darmstadt der Jugendstil. Die Mathildenhöhe wurde damit weltbekannt. Doch auch im städtischen Bürgertum wurde der neue Stil schnell populär. Im Martinsviertel strahlen die Ornamente heute wieder im alten Glanz.

Die Architektur des ausgehenden 19. Jahrhunderts war geprägt von Historismus und Rückbezügen auf die Vergangenheit. Kaum ein Gebäude kam ohne aufgesetzte Dreiecksgiebel, angedeutete griechische Säulen oder anderen historischen Zierrat aus. Die Massenfertigung machte es möglich. Neobarock und Neoklassizismus hatten Hochkonjunktur. Die Bedeutung des traditionellen und individuellen Kunsthandwerks ging zurück.

Der Aufbruch in die neue Zeit begann in Wien. Architekten wie Otto Wagner und Adolf Loos wollten sich vom neobarocken Historismus absetzen und suchten den Weg in die Moderne. Die 1897 gegründete Wiener Secession, eine Vereinigung von bildenden Künstlern, bildete die Plattform für diesen Neuanfang. Das sichtbare Zeichen war das von Joseph Maria Olbrich gestaltete Gebäude der Wiener Secession.

Der Darmstädter Großherzog Ernst Ludwig hatte in England die „Arts and Crafts“-Bewegung kennengelernt. Durch die Verbindung von Kunst und Handwerk sollte der aufkommenden industriellen Massenproduktion von historisch überladenem Kitsch etwas entgegengesetzt werden. Der Darmstädter Großherzog erkannte das Potenzial und berief Joseph Maria Olbrich sowie sieben weitere Künstler zur Gründung einer Künstlerkolonie auf die Darmstädter Mathildenhöhe. Er erhoffte sich dadurch eine Belebung des örtlichen Gewerbes.

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Ein Rundgang im Darmstädter Martinsviertel zeigt, dass sich die Ornamente des Jugendstils in der ganzen Stadt in die Fassadengestaltung der Gründerzeitbauten gemischt haben.

Der Plan ging auf. Darmstadt entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Standorte der Bewegung und beeinflusste die Entwicklung von Kunst und Architektur in ganz Deutschland. Der Jugendstil durchbrach die Dominanz des Historismus und gilt seither als der erste Schritt hin zur Moderne.

Die Jugendstil-Architektur löste sich von den historischen Vorbildern und wandte sich zunächst den geschwungen und bunt dekorierten Ornamenten zu, die plötzlich Blumen, aber auch Gesichter, Tiere und Fabelwesen an den Fassaden zeigten. Zugleich wurde die Architektur funktionaler. Tragende und funktionswichtige Bauteile wurden Bestandteil der Dekoration und nicht mehr hinter aufgesetzten Ornamenten versteckt.

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Darmstadt, Martinsviertel: Zunächst halten einzelnen Elemente des Jugendstils Einzug in die noch historisierenden Fassadengestaltungen. Nach und nach wird der Jugendstil jedoch bestimmend für die Dekoration der Gebäude in dem Viertel.

Langsam und ohne sichtbaren Übergang setzte sich der Stil auch in den bürgerlichen Gründerzeitbauten durch. Im Darmstädter Martinsviertel lässt sich dieser Prozess an zahlreichen einfachen Wohnhäusern gut nachvollziehen. Zunächst sind es nur einzelnen Dekorationselemente an den neoklassizistischen Fassaden. Doch später ändert sich der gesamte Fassadenaufbau, die Fensterformen, die Fensterumbauten, die Türen; die gesamte Fassade nimmt die Formensprache des Jugendstils an. Es lohnt sich, auf Entdeckungsreise zu gehen.

Der Jugendstil entstand um 1895 als Gegenbewegung zum damals gebräuchlichen, rückwärts gewandten Historismus. Zentren waren Wien (Secessionsstil), München und nach dem Wechsel von Joseph Maria Olbrich auf die Mathildenhöhe vor allem auch Darmstadt. Kennzeichnend waren dekorativ geschwungene Linien, florale, teils bild-hafte Ornamente, flächige Strukturen und auch eine beginnende Hinwendung zum Funktionalismus.

Literatur:
/1/ http://da-ist-kultur.de/darmstadt-hochzeitsturm/
/2/ https://de.wikipedia.org/wiki/Hochzeitsturm
/3/ https://www.kulturreise-ideen.de/architektur/jugendstil/Tour-jugendstil-in-darmstadt.html
/4/ https://de.wikipedia.org/wiki/Jugendstil
/5/ https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/kunst/artikel/architektur-des-jugendstil
/6/ https://de.wikipedia.org/wiki/Wiener_Secession
Die Webseiten wurden am 23.05.2018  abgerufen.

Die Gebäude stehen in Darmstadt am Röhnring und den angrenzenden Seitenstraßen.

Download der Printversion: 77_Darmstadt-Ornament_K39-2018