Für die Kaufhauskette Schocken baute Erich Mendelsohn in den dreißiger Jahren in Chemnitz ein modernes Gebäude. Nach wechselvoller Geschichte hat der Bau mit dem Staatlichen Museum für Archäologie eine neue Bestimmung gefunden.

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Kaufhaus Schocken in Chemnitz. Das Gebäude berherbergt heute ein Museum.

Vor einiger Zeit fand ich in einem der allgegenwärtigen Möbelprospekte ein Angebot für eine „Rundecke ohne Funktion“. Letztendlich ging es in dem Angebot um ein Sofa, dass sich offensichtlich zum Sitzen eignete, jedoch keine zusätzlichen Klappfunktionen hatte.

Die eigenartige Begriffsbildung „Rundecke ohne Funktion“ kam mir wieder in den Sinn, als ich das lange leerstehende Gebäude des ehemaligen „Centrum“-Warenhauses in Chemnitz sah. Existierende Warenhausgebäude hatten in dieser Zeit keinen guten Stand. Die großen Ketten bauten lieber reichlich dekorierte Handelshallen auf die grüne Wiese. Ein denkmalgeschütztes Gebäude in bester Innenstadtlage interessiert in der heutigen Zeit kaum jemanden. Dabei ist die Geschichte des Baus ein Spiegel der Zeit.

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Bei der Rekonstruktion wurde auch die Inschrift über den Türen wieder hergestellt.

Alles begann 1901 im sächsischen Zwickau. Die Brüder Salman und Simon Schocken beteiligten sich an dem gerade eröffneten Kaufhaus in der Stadtmitte. 1906 übernahmen sie das Haus komplett. Bis 1913 konnten sie vor allem im sächsischen Raum zahlreiche weitere Kaufhäuser eröffnen. In den 1920er Jahren expandierte das Unternehmen zur viertgrößten Kaufhauskette in Deutschland. Spektakuläre Neueröffnungen waren die Kaufhäuser in Nürnberg 1926 und 1928 in Stuttgart. Beim Bau dieser Häuser setzten die Brüder Schocken auf die Zusammenarbeit mit dem Architekten Erich Mendelsohn. Er entwarf für die Kette hochmoderne, funktionale Gebäude mit teils stadtbildprägenden Fassadengestaltungen.

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Kaufhaus Schocken in Chemnitz. Zur Straße hin ist die Fassade gebogen. Die durchgehenden Fensterbänder werden an beiden Seiten durch verglaste Treppenhäuser eingerahmt.

In der damals schnell wachsenden sächsischen Industriemetropole Chemnitz begann man 1927 zu bauen. Es sollte das bis dahin größte Kaufhaus des Konzerns werden. Durch geschickte Grundstücksgeschäfte schaffte man Platz, um den wuchtigen Bau mitten in die damals feingliedrige Altstadt von Chemnitz zu platzieren. Für den Architekten Erich Mendelsohn war das Gebäude eine Herzensangelegenheit. Schließlich konnte er sich nach dem viel beachteten Bau in Stuttgart hier als einer der führenden Architekten der Moderne präsentieren. Er errichtete ein Stahlbetonskelettgebäude mit einer der ersten in Deutschland realisierten, hinterlüfteten Vorhangfassade. Zur Straße hin ist die Fassade gebogen. Die durchgehenden Fensterbänder werden an beiden Seiten durch verglaste Treppenhäuser eingerahmt. Die kubischen Formen mit einheitlichen Fenstern auf der Gebäuderückseite lassen Anklänge an die Bauhaus-Architektur erahnen. Spektakulär ist die Nachtansicht des Gebäudes. Die dann leuchtenden Fensterbänder lassen das Gebäude wie einen Skulptur erstrahlen.

Für die jüdische Familie Schocken währte die Freude über den 1930 eröffneten Neubau nur kurz. 1936 bis 1938 erfolgte ein schrittweiser Zwangsverkauf des Konzerns und damit die praktische Enteig-nung. Salman Schocken emigrierte 1934 nach Palästina. Er wurde dort zu einem erfolgreichen Verleger u.a. der führenden israelischen Tageszeitung Haaretz. Die Kaufhauskette ging nach dem Krieg in der Horten-Gruppe auf, die heute zum Kaufhof-Konzern gehört. Das Chemnitzer Kaufhaus wurde 1946 enteignet und der Konsumgenossenschaft angeschlossen. Zuletzt firmierte das Geschäft als „Centrum“-Warenhaus und bis 2001 als Kaufhof. Nach langem Leerstand wurde das Gebäude von 2010-14 renoviert und beherbergt heute das Staatliche Museum für Archäologie.

Die Brüder Simon (1874-1929) und Salman Schocken (1877-1959) bauten bis 1938 eines der erfolgreichsten Kaufhaus-unternehmen in Deutschland auf. Der Architekt Erich Mendelsohn (1887-1953) baute für die Kette in den Jahren 1927 bis 1930 Warenhäuser in Nürnberg, Stuttgart und Chemnitz. Das einzig erhaltene Haus in Chemnitz ist ein Spiegelbild der deutschen Geschichte und beherbergt heute nach jahrelangem Leerstand und umfassender Renovierung das Staatliche Museum für Archäologie.

Literatur:
/1/ https://de.wikipedia.org/wiki/Kaufhaus_Schocken
/2/ https://www.smac.sachsen.de/haus.html
/3/ https://www.baunetz.de/meldungen/Meldungen-Schocken_in_Chemnitz_als_Museum_wiedereroeffnet_3562727.html
/4/ http://www.historisches-chemnitz.de/altchemnitz/handelbanken/schockens/schockens.html
/5/ http://www.auer-weber.de/de/projekte/details/museum-fuer-archaeologie-chemnitz.html
/6/ http://www.knererlang.de/de/03-PORTFOLIO/01-PROJEKTE/2014-010
/7/ https://zwickautopia.wordpress.com/2016/08/12/als-shopping-noch-zum-schocken-hiess/
Die Webseiten wurden am 05.03.2018  abgerufen.

Das Gebäude steht in Chemnitz in der Brückenstraße, Adresse ist  Stefan-Heym-Platz 1.

Download des Textes als Printversion: 71_Kaufhaus_Chemnitz_K36-2018